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Unter dem Titel Reicher und trotzdem sexy? Musik, Clubkultur und Gentrifizierung – Berliner Clubmacher treffen auf die neu gewählten politischen Player fand am 19. Januar 2012 seine thematische Fortsetzung, was während des a2n_camp 2011 im Kater Holzig heiß diskutiert wurde. Jens Balzer (Berliner Zeitung) moderierte eine illustre Runde aus Clubkulturschaffenden und politischen Playern.
Auch das neue Jahr beginnt wieder mit einigen Hiobsbotschaften für die Berliner Clubs. So ist die Schließungen für das Icon definitiv, um den Klub der Republik wird gekämpft und auch der Schokoladen zittert neben den starken Einschränkungen durch Lärmschutzbestimmungen um den Verbleib in der Ackerstraße 169. Neben Immobilien- und Flächenverkäufen und Anwohnerbeschwerden geht es aber auch um eine grundsätzliche Wertedebatte – es geht um Anerkennung Priorisierung von Clubkultur in Politik und Stadtentwicklung und um die grundsätzliche Frage, welche Berechtigung hat eigentlich die Rede von einem „klassischen Hochkulturbereich“ – etwa auch wenn es um Subventionen geht.
Da Björn Böhning, der neue Chef der Berliner Senatskanzlei, durch die Geburt seines Sohnes kurzfristig und gebührend entschuldigt war, eröffnet Dr. Richard Meng, Sprecher des Berliner Senats, den ersten a2n_Salons in diesem Jahr „Clubs sind ein Teil der Berliner Kultur – auch was die Performance der Stadt nach innen betrifft. Das gilt für den alten Senat, das gilt für den neuen Senat“, stellt Meng klar und skizziert die Idee des Musikboards als zentrales Regierungsvorhaben, das populäre Musik neben Mode und Film auf ein gleiches Level heben will. Ziel des Musikboards sei eine „Unterstützung dessen, was ist“. Es soll eine Struktur geschaffen werden, die alle Akteure und Ressourcen bündelt und in enger Zusammenarbeit mit der Musikszene selbst entsteht. Konzeptideen seien also ausdrücklich erwünscht. Die Verortung einer solchen Anlaufstelle für Clubbetreiber, Künstler und Veranstaltern in der Senatskanzlei mache deutlich, dass das Thema ganz oben auf der Regierungsagenda steht. Bereits in den nächsten Monaten sind ersten Gespräche geplant – spätestens im kommenden Jahr soll die Initiative umgesetzt werden. Befrag zu konkreten inhaltlichen Punkten kommt von Meng nicht viel. Der Veränderungen von Lärmschutzregelungen gegenüber äußert er sich nur vorsichtig mit Verweis auf geltende Bundesgesetze. Zur Frage nach einer Mehrwertsteuersenkung für Eintrittsgelder und Konzertkarten stellt sich der Senatssprecher klar auf die Seite der Clubbetreiber.
Einen nennenswerten Fortschritt kann Ben de Biel der mit seinem Projekt (Maria/ADS) in der Einrichtung eines Musikboards nicht erkennen. Entnervt berichtet der Clubbetreiber von seinen jahrelangen Kooperationsversuchen und dem Einbringen konstruktiver Ideen an die Adresse der städtischen Verantwortlichen: „Es ist egal ob ich die Senatskanzlei anrufe oder den Liegenschaftsfond (das ist mein Vermieter) – eine Antwort auf meine Fragen, werde ich nicht bekommen“. Bezogen auf Pacht- und Mietverhältnisse gäbe es keinerlei Planungssicherheit. So würden die Mieten immer wieder erhöht, aber langfristige Mietverträge gibt es nicht. So könne er und nicht professionell wirtschaften und sei auch gleichzeitig nicht daran interessiert, auf einer Ebene zu arbeiten, die choreographiert ist. „Ich mache meine eigene Choreografie“. Dass es sich hierbei lediglich um mangelnden Austausch und Dialogkultur zwischen Kulturschaffenden und Politik handele, weist de Biel von sich: „Ich hab kein Kommunikationsproblem – ich hab ein Wahrnehmungsproblem“
Chris Keller vom Schokoladen (der seit 1993 immer mal wieder geschlossen werden soll) geht es vor allem um schnelle und unbürokratischere Unterstützung im Angesicht der drohenden Räumungsklageprozesses, „den wir mit großer Sicherheit verlieren werden“. Einen reinen Immobilientausch sieht er nicht als die ultimative Lösung an. Die Betreiber des Schokoladens etwa wollten in ihrem Haus in der Ackerstraße bleiben, weil dort Leute wohnen, „die gerne Konzerte in ihrem Haus haben.“ Ausgleichsangebote für Investoren seien dagegen eine wirkliche Alternative. Grundsätzlich wäre Transparenz für kleine Kunst- und Kulturprojekte extrem nützlich, um mitreden zu können und sich frühzeitig zu wehren.
Marco Schneider von der Clubcommission setzt einen Vorschlag ganz anderer Art dagegen: was die Investoren können, das können wir auch“. Es müsste gelingen, coole Leute zusammen zu ziehen, die bereit sind in eine Art Auffangfond zu investieren: „Leute mit Geld die gerne feiern gehen“. Die große Frage wäre, ob solch ein Berliner Fond ein Vorspracherecht und damit längere Verhandlungszeitfenster von Seiten der Stadt bekäme. „Wenn man das politisch verankern könnte, dass man zuerst gefragt wird, dann wären wir schon einen Schritt weiter.“
Eine Privatisierungsoffensive von Seiten der Partypeople kann für Klaus Lederer (Fraktion Die Linke) selbstverständlich nicht die richtige Antwort sein. Auch das Projekt Musikboard bezeichnet der Politiker eher als neues Labeling für alte Probleme und Strukturen. Die Beschlüsse über Veränderung der Liegenschaftspolitik seien Jahre alt „und passiert ist nichts.“ Es fehle der politische Wille. Wie die selbst organisierte Lärmschutzinitiative des SO36 zeige, ginge es oftmals um verhältnismäßig kostengünstige technische Lösungen im Nachbarschaftsstreit Clubkultur. Vor allem müsse es eine Sensibilisierung quer durch die Verwaltung geben. Ein Sachbearbeiter müsse beim Bau neuer Objekte angrenzende Clubs miteinbeziehen und mit den Investoren entsprechende praktische Maßnahmen – wie etwa Lärmschutzwände – vereinbaren. Er fordert eine langfristige Flächenplanung, die nicht nur auf finanzielle Aspekte schaut. Das Stichwort auch hier: Flächenvorbehalt. Das Land müsse den Willen haben, Flächen auch proaktiv zu sichern.
Katrin Schmidberger, Sprecherin für Clubkultur bei den Grünen fordert genau dies und will darüber hinaus die grundsätzliche Gleichstellung von Pop- und Hochkultur an den Anfang aller Debatten stellen. Hedonismus gehöre für sie zu der Freiheit der Lebensformen, für die entsprechende Locations müsse es ein „Recht auf Innenstadt“ geben. Die Liegenschaftspolitik müsste daher komplett anders gestaltet werden. Damit dürfe nicht bei der gültigen Vergabepraxis bleiben, dass derjenige ein Objekt bekommt, der am meisten bietet, um den Sparkurs der Stadt genüge zu tun.
Christopher Lauer von den Piraten hatte zwar das Papier seiner Partei zum Thema Clubsterben noch nicht gelesen, wusste aber von massiven Priorisierungs- und Kommunikationsproblemen in dem Kulturausschuss zu berichten. Offen seien z.B. was mit der Musikförderung passiere, die es schon gibt. Und was ihm grundsätzlich bei diesen ganzen Sachen wie dem Schokoladen nicht klar werde: „Kulturschaffende sollen zusammen mit dem Senat einen Lobbyverband gründen – ich versteh’s nicht!“
In weiteren Beiträgen wird deutlich, dass die Stadt und ihre Politik in Sachen Clubkultur in der Bringschuld ist. Als ein dringendes Erfordernis wird insbesondere der Einbezug von Finanzverwaltung und Stadtentwicklung sowie ein grundlegender Wertewandel in der Wahrnehmung von Popkultur und elektronischer Tanzmusik diskutiert. So positioniert sich etwa die bildende Künstlerin Julia Lazarus deutlich: Die Stadt müsse erkennen, welches Potenzial die Musikszene hat und wie viele Besucher durch diese Art von Kreativität angezogen würden. Für die Anwohnerkonflikte hat sie nur eine Antwort: „Wenn man um zehn ins Bett gehen will, dann sollte man nicht in die Innenstadt einer Großstadt ziehen“.
In Zeiten von „Occupy, so gibt der Veranstalter Berthold Seliger der Diskussion noch einmal eine ganz andere Stoßrichtung, könne ein Clubfond nicht die richtige Antwort sein. Die Politik muss sich positionieren. Clubsterben in Berlin – die Gretchenfrage ist also weiterhin offen: auf welcher Seite steht der Senat?
Elmar Giglinger, Geschäftsführer des Medienboards, fände es schade, wenn die Idee des Musikboards schon in den ersten Diskussionen hierüber tot diskutiert werde und bietet an, im Prozess den Erfahrungsschatz des Medienboards beratend einzubringen. Giglinger wundert sich allerdings gleichzeitig, dass im Vorfeld noch keine Gespräche gesucht wurden. Das Medienboard als Blaupause hinzuziehen, lässt nach den Ausführungen Giglingers auf ähnlich positive Entwicklung wie in der Film- und Medienwirtschaft hoffen.
Mehrheitlich, so machte der rege Austausch im a2n_Salon deutlich, ist ein städtischer Neustart in Sachen Clubkultur und Stärkung öffentlicher Foren durchaus erwünscht. In wieweit sich die Szene einbringt oder überhaupt im Sinne klassischer Kulturförderung behandelt werden möchte, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. All2gethernow wird diesen Dialog in jedem Falle weiter begleiten und initiieren. Nach vorne Denken ist möglicherweise aber auch seitens der Clubgänger gefordert – in den frühen Morgenstunden gibt das Lärmschutzgesetzt wieder grünes Licht. Grund genug für den Schokoladen zum Sechs-Uhr-Früh-Konzert zu laden…





2 comments
ben de biel says:
Jan 22, 2012
hallo ihr Lieben ALL2GETHER`s
Seit Jahren trifft man sich und ist sich einig, MAN müsste mal was machen.
Doch das dauert seine Zeit, MAN muss sich da erst einarbeiten, es wurde ja gerade erst gewählt.
Das der Bürgermeister derselbe ist wie vor 10 Jahren, da kann sich kaum einer mehr dran erinnern,
das ist ja schon solange her…
JETZT aber soll sich das nun wirklich ändern, die Wichtigkeit der Problematik sei erkannt,
MAN lege sich ins Zeug versprochen, das Treffen sei ja nun Beleg dafür.
Das Neue hat auch einen Namen, der heißt Musikboard, so steht`s sogar im Koalitionsvertrag!
Was genau das ist und tut, das kann man aber noch nicht sagen, doch ist MAN willig mit allen zu reden, und nächstes Jahr wisse MAN dann sicher konkreteres verkünden zu können.
Doch Obacht, MAN gibt auch zu bedenken, das regieren nicht gleichsam bedeutet, das gewolltes sich auch realisieren lässt, denn das große Mysterium Verwaltung sei schlicht unberechenbar.
Seit Jahren, so raunt MAN, haben sich zwar immer wieder einzelne, mutige vorgewagt, das Unbekannte zu erhellen, doch Ihre Ideale, Ideen und anderes mehr, gelten seither als verschollen, für immer und für alle Zeiten.
Fast schon habe ich ein schlechtes Gewissen, um all die guten Menschen, die sich über die Jahren für uns verwendet haben, haben wir sie doch einem tragischen Schicksal überantwortet.
Mit wem ich also vor Jahren schon gekuschelt habe, der ist heut meist nicht mehr, und wer noch ist, hat sich zurückgezogen in innere Verbannung.
Das mit dem Kuscheln ist an dieser Stelle also nicht der rechte Weg.
Hoffnung gibt es aber, wir haben ja längst aufgeschrieben, welche Wege zu beschreiten sind, damit wir alle glücklich leben können in unserer geliebten Stadt.
Gesetze gibt´s zudem genüge und für alle gleich, mit deren Hilfe sich vieles vorbildlich regeln lässt, wenn wir das wirklich wollen. Sie helfen auch beim Wählen derer, die uns helfen können.
Wohlformulierte, gut durchdachte Ideen gibt`s in rauen Mengen und sogar die Technik ist auf unserer Seite.
Denn mit nur ein paar Klick`s ist es durchaus möglich alles was gesprochen und geschrieben ist, zu archivieren, wieder zu finden, oder allen die es wissen wollen zur Verfügung zu stellen.
Nichts kann mehr aus versehen verloren gehen, verlegtes findet sich im Handumdrehen und wir können wohlwollend jedweden Fortgang der Ereignisse begleiten, und zwar ALL2GETHERNNOW.
Ben de Biel
… übrigens …
Was oben steht ist eine schöne Zusammenfassung, ein Handgriff mehr, dann kann es auch ein Livestream sein, und einmal aufgezeichnet und verlinkt, lässt sich das für jeden, jederzeit Kinderleicht finden.
all2gethernow says:
Jan 24, 2012
Lieber Ben,
vielen Dank für deinen Kommentar. Als all2gethernow e.V. sehen wir uns explizit als die unabhängige Plattform, auf der die von dir gewünschte Diskussion stattfinden kann und soll. In einem nächsten Schritt möchten wir einen deiner Vorschläge direkt aufgreifen und einen zentralen Wissens-Pool anlegen, in dem alle bisher vorgelegten und zukünftigen Beiträge zur Thematik, inklusive parteipolitischer Lösungsansätze, gesammelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen. Als erste Dreingabe unsererseits veröffentlichen wir an dieser Stelle den Ton-Mitschnitt des #a2n_salons. Wir rufen alle Beteiligten des Salons dazu auf, ihre verschriftlichten Vorschläge ebenfalls zur Dokumentation und Veröffentlichung an uns zu schicken. Weiterhin wollen wir uns kurzfristig darum bemühen, anlässlich der nächsten Diskussionsveranstaltung auch Vertreter_innen aus der Verwaltung (Bau- und Umweltämter) mit an unseren runden Tisch bekommen.
Schickt eure Beiträge und auch Vorschläge für die inhaltliche Gestaltung des nächsten a2n_Salons bitte an goetzke@a-2-n.de
Euer all2gethernow e.V.
PS an ALLE: Als unabhängiger Player ohne parteiliche Bindungen oder Zuwendungen von den Lobbies sind wir auf Support angewiesen, um diese wichtige Aufgabe auch weiterhin wahrnehmen zu können. Eine Form der Unterstützung ist die Mitgliedschaft und Mitarbeit im all2gethernow e.V.